Oft entwickeln Menschen aus dem Umfeld einer abhängigen Person eine so genannte
Co-Abhängigkeit. Familienangehörige, Verwandte, Freundes- und Kollegenkreis
können davon betroffen sein.
Oft wissen am Arbeitsplatz der betroffenen Person alle vom Problem, aber niemand
traut sich, es anzusprechen. Die Angst, das Gegenüber – manchmal ist das eine
langjährige Kollegin oder ein Freund – zu kränken, kann ein Grund sein, so zu
tun, als existiere das Problem nicht.

Verheimlichen
und Beschützen
Zum Mechanismus der Co-Abhängigkeit gehört beispielsweise, dass Arbeitskolleginnen
und Arbeitskollegen Fehler der betroffenen Person verheimlichen oder Versäumtes
an ihrer Stelle nachholen und so mithelfen, die Situation vor den Vorgesetzten
geheim zu halten. Es handelt sich hier um einen Versuch, die betroffene Person
zu schützen und ihr so zu helfen. Arbeitskollegen, die diese Haltung einnehmen,
mögen sich denken: „Ich mache das ihm zuliebe. Er hat so schon genug Probleme,
er braucht nicht noch mehr." Mit Vorgesetzten darüber zu sprechen erscheint
in dieser Optik wie ein Verrat, zumal damit auch die Angst vor der ultimativen
Sanktion – der
Kündigung - verbunden ist.
Dieses Abschirmen und Beschützen bringt das Umfeld dazu, sich dem Fehlverhalten
der betroffenen Person anzupassen, sich mit den
Veränderungen abzufinden und eine Situation zu akzeptieren,
die bei einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter ohne Alkoholproblem sicher
nicht geduldet würde.
Absicht und Wirkung klaffen hier auseinander: Indem das Umfeld über das problematische
Verhalten einer Person hinwegsieht, ermöglicht es ihr, weiter zu trinken, ohne
ihren Konsum hinterfragen zu müssen. Unternimmt niemand etwas, interpretiert
die betroffene Person das als Bestätigung, dass sie weitertrinken kann und dass
sich das Unternehmen an ihr problematisches Verhalten anpassen wird!

„Gesetz
des Schweigens“
Oft vergehen Jahre, bis für das berufliche Umfeld die Grenze der Zumutbarkeit
erreicht ist. Ist es einmal soweit, wird den Beteiligten bewusst, dass sie ihrer
Verantwortung nicht nachgekommen sind und daher eine Mitschuld an der Situation
tragen. Es herrscht das „Gesetz des Schweigens“, das schwierig zu durchbrechen
ist. Aus Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden, wagt niemand, darüber zu
sprechen. Die Mitarbeitenden erwarten von den direkten Vorgesetzten, dass sie
die Sache in die Hand nehmen und das Problem lösen.

Wenn
Vorgesetzte verheimlichen und beschützen
Co-Abhängigkeit kann auch Führungspersonen betreffen. Neue Führungskräfte
kommen häufig aus dem Kreis des Unternehmens und kennen viele ihrer Mitarbeitenden
seit Jahren. Für sie ist es oft besonders schwierig, bei Auffälligkeiten zu
intervenieren. Aus Unsicherheit, wie sie das Problem angehen sollen, aus emotionaler
Verbundenheit zu den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen und aus Angst, von
ihnen nicht akzeptiert zu werden, ziehen sie es häufig vor, über das Problem
hinwegzusehen.
Für langjährige Vorgesetzte hingegen mag es oft nahe liegen, diese Art von Problemen
abteilungsintern anzugehen. Nach überliefertem partronalem Führungsstil, wie
man ihn in gewissen Berufsfeldern nach wie vor antrifft, regelt die Chefin oder
der Chef das Problem persönlich, ohne andere zu informieren.
Wie die Person mit dem
Konsum- oder Abhängigkeitsproblem weigern sich auch die Menschen in deren
Umfeld oft lange Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Dies lähmt das Umfeld
und führt dazu, dass das Problem ausgeblendet oder verharmlost wird.
Wenn
sich ein Unternehmen mit dem Thema Alkoholprobleme auseinandersetzt und es die
notwendigen Massnahmen trifft, kann die Klippe der Co-Abhängigkeit umschifft
werden. Das ist eine wichtige Voraussetzung zur Bewältigung von Alkoholproblemen
am Arbeitsplatz.